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Dr. Hans-Werner Rautenberg (1938-2009)

Dr. Hans-Werner RautenbergHans-Werner Rautenberg wurde am 06.02.1938 in Preußisch Holland/Ostpreußen (heute: Pasłęk) geboren. Seine Vorfahren gehörten zu der Gruppe Salzburger Exulanten evangelischen Glaubens, die in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts ihre Heimat verlassen mussten. Rautenberg erlebte als kleiner Junge das Kriegsende und den Einmarsch der Roten Armee in Ostpreußen. Der Vater befand sich schon in Kriegsgefangenschaft, die Mutter wurde von den Russen nach Sibirien verschleppt. Zusammen mit seiner Großmutter und dem kleineren Bruder musste er seine Heimat verlassen, auf der Reise starb die Großmutter, so dass die beiden Kinder alleine in Deutschland ankamen, wo sie zunächst im Lager Ludwigslust untergebracht waren. Dorthin kam nach einer Weile auch die Mutter, später kehrte der Vater aus der Gefangenschaft zurück. Die Familie begab sich nach Niedersachsen und ließ sich in Oldenburg nieder. Dort machte Rautenberg 1959 Abitur und leistete anschließend seinen Wehrdienst bei der Panzertruppe, die Verbindung zur Bundeswehr blieb bis zu seinem Lebensende bestehen. Rautenberg studierte Geschichte, Germanistik und Philosophie in Münster. 1967 legte er sein erstes Staatsexamen ab und arbeitete anschließend als wissenschaftlicher Mitarbeiter am „Glossar zur Geschichte des frühen Mittelalters im östlichen Europa“. 1972 wurde er Hochschulassistent. Fünf Jahre später schloss er seine Promotion über den polnischen Aufstand von 1863 und die europäische Politik im Spiegel der deutschen Diplomatie und der öffentlichen Meinung bei Manfred Hellmann ab. 1982 wurde er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Johann-Gottfried-Herder-Institut in Marburg, wo er bis zum Eintreten in den Ruhestand 2003 tätig war. 1987-1996 war er zugleich Lehrbeauftragter für ostdeutsche Landesgeschichte an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Ende der 80er Jahre lernte ich ihn dort als junger Student kennen. Seine Lehrveranstaltungen hatten immer ein klares Konzept, sie waren akribisch vorbereitet und atmeten in gewisser Weise eine Art positiven preußischen Geist. Er war stolz auf die Errungenschaften des preußischen Staates, der einstmals seine Vorfahren aufgenommen hatte, scheute sich aber nicht, auch die negativen Seiten anzusprechen. Hans-Werner Rautenberg war ein Vermittler, ein Versöhner, den die Erfahrungen des Krieges und der Nachkriegszeit früh hatten erwachsen werden lassen. Er mochte keinen Streit, das Gefühl, überlebt zu haben, und sein tiefer Glaube gaben ihm die Kraft, das Leben vor allem von seiner positiven Seite zu betrachten. Diese Eigenschaft und sein Gottvertrauen behielt er auch, als es in den letzten Jahren aufgrund seiner massiven Herzprobleme gesundheitlich immer mehr bergab mit ihm ging. Nach langer Krankheit ist er am 3.1.2009 in Marburg gestorben.

Die Kommission für die Geschichte der Deutschen in Polen trauert nicht nur um ihr langjähriges Vorstandsmitglied, sondern auch und vor allem um einen Mann, der auf der Grundlage einer tiefen Verbundenheit mit der verlorenen Heimat stets die Aussöhnung mit dem polnischen Volk als seine Hauptaufgabe gesehen hat. Wir werden ihn nicht vergessen.

 

Markus Krzoska